Eine glückliche Beziehung bedeutet Wertschätzung, Nähe und sich auf den anderen einzulassen. Sie beginnt mit der Verliebtheit, später wächst Vertrauen, wenn sich daraus Liebe entwickelt. Was steckt dahinter? Und vor allem: Wie können wir das Gefühl, erfüllt zu sein, pflegen? Und zwar in allen Beziehungsphasen. Ich zeige dir Möglichkeiten, Grenzen und Risiken: So kannst du Erfüllung in der Liebe finden.
3 Beziehungsphasen: Worin wir jeweils Erfüllung in der Liebe finden und wo die Risiken liegen
Es gibt mehrere Möglichkeiten, wie man Erfüllung in der Liebe finden kann. Das, was wir im Alltag mit “Liebe” bezeichnen, lässt sich in drei unterschiedliche Beziehungsphasen unterteilen. Gefühle, Erfüllung und Risiken dieser Phasen unterscheiden sich deutlich. Alle Beziehungsphasen haben ihre Bedeutung und Berechtigung. Falsch interpretiert oder mit unangemessenen Erwartungen können sie aber Erfüllung verhindern.
1. Verliebtheit
In dieser Beziehungsphase ist alles aufregend, leidenschaftlich und geprägt von Lebensfreude und Lust. Streng genommen hat diese Phase wenig mit Beziehung zu tun. Wir empfinden im Rausch des Beginns Glück über unsere umfassende Erregtheit. Sexualität wird eine hohe Bedeutung gegeben. Dabei leben wir eine Illusion, sind teilweise auch „blind“, Störendes wird nicht wahrgenommen. Der Partner oder die Partnerin wird nicht gesehen, wie er oder sie ist, sondern wird idealisiert und erhöht: der andere ist die Projektionsphase unserer eigenen Sehnsüchte.
Die Forschung hat bestätigt: Der Hormoncocktail beim Verliebtsein führt dazu, dass unser Verhalten dem eines Rauschs oder einer psychischen Erkrankung gleichkommt. Wir sind aufgedreht, der Himmel hängt voller Geigen. Wunderschön. Erfüllung in der Liebe zu finden bedeute in der ersten der drei Beziehungsphasen Euphorie pur.
Risiken der Verliebtheit
In dieser Beziehungsphase kann man noch nicht unbedingt von einer Partnerschaft sprechen. Eher von “romantischer Liebe” – der Liebe um ihrer selbst willen. Erfüllung finden bedeutet hier auch Rausch. Wir sind sehr risikobereit: versprechen zu viel und verzichten auf Safer Sex … Und wir erhoffen uns zu viel und erwarten zu viel – ohne es jetzt schon zu ahnen. Das Denken ist gerade nicht so sehr eingeschaltet.
2. Nähe und Auseinandersetzung
Irgendwann lässt die Euphorie nach. Und das ist vollkommen normal und vor allem gesund. Wir sind nicht mehr “blind”, sondern erkennen das Wesen des Partner und interessieren uns für ihn. Der Mensch hinter der „Traumfrau“ oder dem „Traummann“ erscheint. Wir wollen wissen, was ihn – außer uns selbst – noch bewegt: wie er denkt, welche Interessen und Vorstellungen er hat. Wollen seine Meinung kennenlernen, sein Bild von der Welt. Es wachsen Intensität, Nähe und Vertrauen. Und wir erkennen nun auch die „Fehler“ und Schwächen des anderen.
Gegen Ende dieser Beziehungsphase ist nicht nur Tiefe da, es kommt auch zu Auseinandersetzungen: man setzt sich im wahrsten Sinne des Wortes aus-ein-ander. “Wer sich nahekommt, kommt sich ins Gehege” schreibt Arnold Retzer in seinem Buch Lob der Vernunftehe* (Seite 174). Die Partner probieren die Grenzen des anderen aus und setzen selbst Grenzen. Das brauchen sie, um Erfüllung finden zu können. Es ist wichtig, um auch innerhalb der Beziehung eine eigenständige Person zu bleiben und nicht mit dem Partner zu verschmelzen. Eigenständigkeit, Unabhängigkeit und Selbstliebe (oder zumindest Selbstannahme) sind Voraussetzungen für Liebesfähigkeit.
Aus der wachsenden Nähe können jetzt auch Beziehungsprobleme entstehen. Die Vorstellung, man könne alles genauso vom Partner oder der Partnerin erhalten, wie man es sich vorher ausgemalt hat, stellt sich als Trugschluss heraus. Der Anspruch, der mit den Erwartungen an den Partner verbunden ist, erschwert es dann, Erfüllung in der Liebe finden zu können.
Risiken der Nähe
Die Gefahr in dieser Beziehungsphase liegt im nachlassenden Begehren, das Vertrautheit Platz macht. Die sexuelle Anziehungskraft flaut ab. Üblicherweise ist dieser Zustand nach einem halben bis drei Jahren erreicht. Je nach Temperament und Einstellung werden dann häufig neue Bindungen und neues Verlieben gesucht – oder man „stolpert“ darüber. Erfüllung finden in einer neuen Verliebtheit in einen anderen Menschen oder in einer Affäre: das ist das Risiko. Denn Vertrauen kann mit Langeweile einhergehen. Wer glaubt, die Hollywood-Gefühle bleibe für immer, wird jetzt enttäuscht sein. Nähe kann auch einengend wirken. Die mittlere ist insofern die risikoreichste der drei Beziehungsphasen.
Wie kannst du die Gefahr minimieren? Wenn du dich etwa traust. Die Entwicklungsaufgabe dieser Phase lautet Beziehungspflege – und immer wieder neu die Beziehung beleben. Deine Sexualität kann wieder aufregend werden oder du kannst darin wieder Erfüllung finden, wenn ihr als Paar experimentiert und Neues ausprobiert. Nicht nur sexuell. Das wiederum erfordert auch Vertrauen. Wir muten uns zu. Erfüllung ist möglich, wenn du dich auf die Partnerschaft einlässt und trotzdem du selbst bleibst.
3. Im Gleichgewicht: Ich + Du + Wir
Wer geblieben ist, führt jetzt eine Langzeitbeziehung. Dies ist die psychisch ausgeglichenste aller drei Beziehungsphasen. Idealerweise sind wir auf dem Boden der Tatsachen angekommen, Realismus ist eingekehrt. Wir versuchen nicht mehr, die Partnerin oder den Partner zu ändern, haben uns arrangiert und akzeptieren einander wie wir sind. Lassen uns und unsere individuellen Eigenarten gelten. Erfüllung in der Liebe finden wir wir im besten Fall jetzt ohne Erwartungen und daher ohne zu kämpfen. Ich darf ich sein und du darfst du sein. Und wir lieben vermutlich auch das, was der Partner in Zukunft sein wird. Wir lassen Spannung zu und Spannung bedeutet Lebendigkeit.
Die Beziehung ist jetzt durch Empathie gekennzeichnet. Wir betrachten die Welt nicht nur durch unsere eigenen sondern auch durch die Augen des Menschen an unserer Seite. So ist eine neue Qualität hinzugekommen.
Liebe kann in einer erfüllten Langzeitbeziehung verhältnismäßig bedingungslos sein. Eine bedingungslose Liebe stellt für uns eine Sehnsucht dar. Das wollten wir schon als Kinder gerne: von unseren Eltern ohne Wenn und Aber geliebt werden – für unser Wesen, nicht für unser Verhalten. Und nicht alle unter uns haben das bekommen. Es ist sogar eher unwahrscheinlich. Eltern machen manchmal (auch ohne das zu wollen) Zuneigung von guten Zensuren oder sauberen Kleidern abhängig. Vom Interesse am Geige spielen oder sportlichem Ehrgeiz. Die Sehnsucht nach vollkommener Annahme bleibt. In einer Liebesbeziehung zu einem Partner Erfüllung zu finden, beglückt dann umso mehr.
Die Sexualität in einer Langzeitbeziehung verändert sich
Manchmal ist die Liebe in einer Langzeitbeziehung auch platonisch. Einvernehmlich. Das Paar braucht Sexualität nicht mehr so sehr, stattdessen ist reine Intimität da. Erfüllung in der Liebe zu finden bedeutet das tiefe Gefühl einander zu kennen und sich geöffnet zu haben. Man guckt sich gewissermaßen ins Herz statt in die Augen – in Abwandlung eines der Zitate über die Liebe des Dichters Musa Ceylan: “Liebe ist, wenn sich die Augen im Herzen treffen.”
Andere Paare leben ungewollt in einer Beziehung ohne Sex und leiden darunter. Wieder andere erleben gerade in Langzeitbeziehungen eine erfüllende Sexualität, die frei ist von falscher Rücksichtnahme, Leistungsdruck und Versagensängsten. Geprägt von Intimität und Genuss: Slow Sex. Miteinander statt füreinander.
Idealerweise bleiben Paare zwei Einzelwesen nebeneinander mit einem Miteinander. Nur so können sie Erfüllung finden und haben eine gemeinsame Schnittmenge, können jetzt gemeinsam ein gutes Team sein. Ich und ich und wir. Alles besteht gleichwertig. Und wird sind füreinander so etwas wie eine Heimat.
Risiken in Langzeitbeziehungen
Die Gefahr einer solchen Liebe liegt in der Verschmelzung, in fehlender Identität. Wir sind keine Einzelwesen mehr und können uns nur spüren, wenn wir uns im Partner oder der Partnerin spiegeln. Wahre Erfüllung finden wir so nicht.
Zu viel Harmonie ist ein Risiko. Das warme Gefühl der Geborgenheit wird in dieser letzten der Beziehungsphasen zu hoch bewertet. Wir entwickeln uns nicht mehr weiter, um die Harmonie nicht zu zerstören. Wir haben Angst vor dem Verlust des Partners und verfallen in Gewohnheit bis hin zu Stillstand. Das geht nicht mit Erfüllung einher.
Erfüllung in der Liebe zu finden erfordert dauerhaft Entwicklung – in allen 3 Beziehungsphasen
Liebe will riskiert werden* heißt ein Bestseller des bekannten Paarberaters und Autors Michael Mary. Das sagt alles. Eine Beziehung bedeutet permanente Auseinandersetzung und neue Begegnung mit dem Partner. Liebe muss man wollen. Liebe ist eine Entscheidung.
Trotzdem kann die Liebe scheitern. Entwicklung bei zwei Menschen muss nicht bedeuten, dass sie beide in dieselbe Richtung gehen. Vielleicht macht das die erfüllende Liebe so kostbar: dass sie nicht selbstverständlich ist. Und Erfüllung finden bedeutet ja auch, in wahrsten Sinne des Wortes, “voll” zu sein.
Lasst also immer ein wenig Platz für das, was kommt. Und Platz zwischen euch. Das gilt selbstverständlich für alle Phasen einer Beziehung. Trotz des Risikos und für die Lebendigkeit.
Meine Buchempfehlungen
Michael Nast, Generation Dating Burnout: Warum die Liebe scheitert, bevor sie beginnt*


4 Kommentare
Liebe Maren,
vielen Dank für diesen Beitrag. Er ist eine wertvolle Ergänzung – berührt er doch ein Thema, das uns alle angeht und für uns wichtig ist. Eine erfüllende Partnerschaft 💖.
Und nein, ich glaube nicht, dass ein Leben ohne Partner ein unglückliches ist. Ich glaube, es kann auch gut ohne gehen, wenn es andere Beziehungen gibt. Zum Beispiel die Beziehung zu dir selbst oder anderen engen Vertrauten. Wenn du aber eine Beziehung hast, dann sollte das gut passen, Energie geben und sich leicht anfühlen! Deswegen finde ich es so hilfreich, wie ihr die unterschiedlichen Erfüllungen für die verschiedenen Phasen der Partnerschaft beschreibt. Denn mit unrealistischen Erwartungen an uns selbst oder den Anderen können wir fast nur scheitern. Einen großen Blumenstrauß und ein extra Danke für diesen Satz hier: „Erfüllung ist möglich, wenn man sich einlässt und trotzdem man selbst bleibt.“ Ich finde, dem gibt es nichts mehr hinzuzufügen ☀️.
Viele Grüße,
Ulrike
PS: Weil du Arnold Retzer erwähnst. Ich finde die Idee der resignativen Reife großartig und glaube, dass sie für den Reifungsprozess als langjähriges Paar ein unverzichtbares Puzzleteil ist.
Liebe Ulrike,
wir alle brauchen neben der Liebe zu uns selbst Beziehungen zu anderen Menschen. Das müssen keine Liebesbeziehungen sein, wie Du schon angemerkt hast.
Und Beziehungen erfordern Reife im Sinne einer realistischen Betrachtung dessen, was in Beziehungen grundsätzlich möglich ist. Welche Erwartungen überhaupt an Beziehungen gestellt werden können – und zwar unabhängig vom Partner oder der Partnerin. Dazu gehört beispielsweise, es zu akzeptieren, dass es in Partnerschaften üblicherweise zu Reibungen kommt. Das gehört dazu. Immer wieder einmal (und auch in freundschaftlichen oder kollegialen Beziehungen, die in Deinen Themenbereich gehören). Das ist auch ein Zeichen von Selbstfürsorge oder Selbstliebe. Und dadurch kann es sich leicht anfühlen und erfüllend sein. Resonanz finden, ohne gleich zu sein.
Vielen Dank für die Einladung zu Deiner Blogparade und herzliche Grüße,
Maren
Alexander und Maren
Hallo,
vielen Dank für den schönen Blog. Ich diskutiere immer wieder mit meinen Klienten die Frage, ob sie wirklich bereit sind sich einzulassen auf dieses „Ding mit der Liebe“ 🙂 Denn einlassen heißt sich nackig zu machen und sich selbst und den anderen in allen Facetten seines Seins zu sehen, anzunehmen und zu lieben. Dann wird es oft sehr still auf der anderen Seite und viele Gründe, warum es nicht geht kommen zum Vorschein Da fängt die eigentliche Arbeit erst an. Ich weiß „Erfüllung“ ist möglich ! 🙂
Liebe Grüße aus Köln und einen sonnigen Tag.
Hallo Andrea,
Du schilderst sehr lebendig und zuversichtlich, was die Aufgabe einer Partnerschaft ist.
In Beziehungen geht es genau darum: sich einander „zuzuMUTen“. Und das ist mit Unsicherheiten verbunden. Wenn Paare sich etwas trauen, macht das Entwicklung und Erfüllung möglich.
Herzliche Grüße aus dem hohen Norden an den Rhein,
Maren